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Mindfuck
Mitsuru Meike zeigt in »The Glamorous Life of Sachiko Hanai« die Unterschiede zwischen westlicher und fernöstlicher Sexfilmästhetik auf
Text: Jochen Werner Foto: 1. Pornfilmfestival Berlin 2006
Man stelle sich vor, man ginge in die Erwachsenenabteilung einer beliebigen deutschen Videothek und leihe sich dort einen Pornofilm aus, in dessen Verlauf gleichermaßen von philosophischer Metaphysik, Stilmitteln der griechischen Tragödie und der internationalen Rüstungspolitik die Rede ist und an dessen Ende die Apokalypse steht. Unvorstellbar? Ja, leider. In Japan ist dies anders, so lässt zumindest Mitsuru Meikes als »Anti-Bush-Sexfilm« beworbener »The Glamorous Life of Sachiko Hanai« vermuten. Denn wo der pornographische Film westlicher Provenienz nach einem strengen, selten gebeugten und kaum jemals gebrochenen Regelwerk strukturiert ist, lässt der pinku eiga – der japanische Sexfilm – seinen Regisseuren weitestgehende kreative Freiheit, solang nur eine Handvoll Nacktszenen darin vorkommen, die das Werk vermarktbar machen. Das hat zur Folge, dass der pinku eiga – wie auch der ähnlich funktionierende yakuza eiga, der japanische Gangsterfilm – tatsächlich zur Talentschmiede wird, der nicht wenige der kreativeren Köpfe des japanischen Gegenwartskinos entstammen.
»Noam Chomsky hat jetzt gar nichts damit zu tun!«
Sachiko Hanai, die Titelheldin von Meikes Film, ist ein auf Rollenspiele spezialisiertes Callgirl, das nach einer Nummer als Uni-Tutorin zufällig in eine Schießerei gerät und eine Kugel in den Kopf bekommt, die sie zwar nicht tötet, aber ein riesiges Loch mitten auf ihrer Stirn hinterlässt. Als Sachiko neugierig mit einem Bleistift in der Wunde bohrt (!), schiebt sie die Kugel immer weiter in ihr Hirn – ein ganz buchstäblicher Hirnfick –, wo sie schließlich eigentümliche Wirkung entfaltet: Erstens stellt sich eine zeitliche Verzögerung zwischen Sinnesreizen und ihrer Wirkung ein (die etwa dazu führt, dass Sachiko zwar beim Geschlechtsverkehr nichts spürt, sich aber einige Zeit später in den unmöglichsten Situation in Erregung zu winden beginnt), zweitens wird die naive Prostituierte plötzlich zum Superhirn und nimmt in Windeseile das Wissen der Welt in sich auf. Daraufhin beginnt sie eine Affäre mit dem verheirateten, sexuell und intellektuell frustrierten Professor Saeki, der sie als Hausmädchen in seine Familie einschmuggelt, wo sie bald auch dessen Sohn Mamoru erotische Nachhilfestunden gibt. Als ihr schließlich George W. Bush auf dem Grunde eines Wassereimers erscheint, muss sie entdecken, dass sie unwissentlich in eine Verschwörung hineingestolpert ist, in der der geklonte Mittelfinger des Präsidenten (von dem Sachiko sogleich zwangspenetriert wird) eine nicht unbedeutende Rolle spielt und von der letztlich nichts weniger als das Schicksal der Welt abhängt.
»Nietzsche, Einstein und der Earl of Sandwich«
Vergleichbar der Porno-Popperin Peaches, die auf ihrem jüngsten Album »Impeach my Bush« Politik und Private Parts zusammenführt, ist es auch »The Glamorous Life of Sachiko Hanai« letztlich an einer Verschmelzung von Geist und Geschlecht gelegen. Ob Nietzsche, Einstein oder der Earl of Sandwich, ist dabei erst einmal egal – sie werden zu Oberflächensymbolen im immer surrealistischeren, lustvollen Spiel um Trash und Tiefsinn. Die bei Rapid Eye Movies bereits erschienene DVD-Edition kann zwar nicht den von REM gewohnten, sehr hohen Standard halten – wenn auch das dunkle Bild und die blassen Farben wohl wesentlich auf das extrem niedrige Budget des Films zurückzuführen sein mögen, soll dies doch nicht unerwähnt bleiben –, dennoch handelt es sich um eine sehr erfreuliche Veröffentlichung, der hoffentlich noch weitere spannende Ausflüge in die Welt des pinku eiga folgen. Oder, um es mit dem US-Präsidenten in den verfremdeten Nachrichtenbildern des Filmes zu sagen: »Yeah, shake it baby now!«
:: »The Glamorous Life of Sachiko Hanai« von Mitsuru Meike ist Abschlussfilm des 1. Pornfilmfestival Berlin 2006 (So, 22.10., 22:00, Neue Kant Kinos 1)
:: Außerdem ist der Film bei Rapid Eye Movies als DVD erschienen
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