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What A Wonderful World

Rikki Kasso erzählt in »Somewhere in the Middle« von erschütternder Einsamkeit und merkwürdigem Sex

Text: Jochen Werner Foto: 1. Pornfilmfestival Berlin 2006

»It’s a fucked up life we live.« Die siebzehnjährige Rei wünscht sich, von Selbsthass zerfressen, als Puppe wiedergeboren zu werden. Nichts mehr zu empfinden. Keinen Schmerz, keine Trauer. Ihren Körper nimmt das bildschöne Mädchen als vernarbt und zerstört wahr. Ein Mann mittleren Alters, Familienvater, lebt Reis Traum aus und erhebt ihn zum Fetisch: Heimlich macht er sich mit Frauenkleidung, Perücke und Maske als groteske »Kuniko Doll« zurecht, fotografiert sich in dieser Verkleidung und masturbiert später zu den Bildern. Shun hingegen empfindet höchste Ekstase nur dann, wenn er sich eine Plastiktüte über den Kopf zieht. Aus der Selbstbefriedigung macht er stundenlange Rituale, während derer er sich Pornovideos anschaut und sich mit selbstgebauten Vibratoren (»Das ist billiger.«) penetriert. In der Außenwelt trägt er mit Vorliebe ein pinkfarbenes Bärenkostüm, das ihm ebenso wie die Kostümierung der Kuniko Doll ein klein wenig der ersehnten Distanz zum verhassten Ich verleiht.

Grenzgängerisch
Obwohl Rikki Kassos Film »Somewhere in the Middle« (2005) im Rahmen des 1. Pornfilmfestivals Berlin gezeigt wurde, könnte er doch zumindest von landläufigen Konzepten der Pornographie kaum weiter entfernt sein. Zunächst einmal enthält er kaum Sexszenen, explizite schon gar nicht, und erregend wird wohl kaum ein Zuschauer das düstere Drama des Films finden. Zwar wirft »Somewhere in the Middle« durchaus einen Fokus auf die eher ungewöhnlichen sexuellen Vorlieben seiner Protagonisten, doch vor allem spricht er von einer Einsamkeit, die so erschütternd und grauenerregend ist, dass sie in nachgerade panischen Fluchten in immer artifiziellere Ersatzidentitäten kulminiert. Seine Wirkung auf den Zuschauer ist in höchstem Grade verstörend, sicherlich auch aufgrund der Wahl einer semidokumentarischen Perspektive. Doch ist hier Vorsicht angebracht: Zwar spielen laut Abspann fast alle Darsteller sich selbst – die kaum weniger verstörenden Arbeiten des Österreichers Ulrich Seidl kommen hierbei in den Sinn – doch kippt »Somewhere in the Middle«, der seinen grenzgängerischen Charakter ja bereits im Titel vorwegnimmt, gerade in der zweiten Hälfte zunehmend um. Immer assoziativer wird dort die Montage, immer dominanter die offensichtlich filmischen Gestaltungsmittel – hin und wieder, in surrealen Sequenzen oder experimentellen Überblendungen scheint die Realität im Bild geradezu auseinander zu brechen. Überhaupt ist die Inszenierung durch Regisseur Kasso beeindruckend klar und reflektiert. So bebildert er zwar eine sehr klassische japanische Obsession, indem er eine doppelte Schulmädchenphantasie gekonnt parallel montiert, doch verortet er diese Episoden im finsteren Setting eines nächtlichen Parks. Durch die sehr spärliche Beleuchtung ist zunächst einmal kaum etwas zu sehen, und wenn dann später die Bilder etwas deutlicher werden, dann ist da immer noch diese finster dräuende Musik, die die Szenerie in eine bedrohliche Atmosphäre taucht.

Dem in den USA geborenen Künstler Rikki Kasso, dessen Arbeit sich über den Film hinaus über nahezu alle Bereiche der Kunstproduktion (von der Malerei und Fotografie über die Musik bis hin zum Modedesign) erstreckt, ist mit »Somewhere in the Middle« ein radikaler Film gelungen. Ein Film, der aufgrund seines Verzichtes auf eine Dramaturgie im klassischen Sinne nicht leicht konsumierbar sein mag, dessen eindringliche Darstellungen von Einsamkeit, Selbsthass und Realitätsflucht aber nachhaltig verstören und berühren.

:: »Somewhere in the Middle« von Rikki Kasso war im Rahmen des 1. Pornfilmfestival Berlin 2006 zu sehen
:: 1. Pornfilmfestival Berlin 2006



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