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About the Vulgarity of Commerce & the Commerce of Vulgarity

Über Alt.Porn, Benny Profane und seine Pornobiographie »Barbed Wire Kiss«

Text: Jochen Werner Foto: 1. Pornfilmfestival Berlin 2006

Keine Frage, Alt.Porn ist der Hype der Stunde. Nachdem die Splatting Image schon vor Monaten ins Schwärmen geriet ob des Regisseurs Eon McKai und seines Werkes »Neu Wave Hookers«, zog jüngst auch die Spex nach und widmete dem Wunderknaben einen Artikel. Vom Medienrummel um das 1. Pornfilmfestival Berlin angeheizt, schaffte es dieses neue Label für alternative Pornographie (welches mit der Begründung des tatsächlichen Labels Vivid.Alt, je nach Sichtweise, in den Mainstream vordrang oder sich an diesen verkaufte) dann zuletzt gar in die Berliner Stadtmagazine. Als ein wesentlicher Protagonist dieser neuen Pornographie etablierte sich bereits mit seinem ersten unter professionellen Bedingungen inszenierten Film »Barbed Wire Kiss« Benny Profane, der sein Pseudonym einem Roman von Thomas Pynchon entlehnte.

Who put the »Alt« in Alt.Porn?
»Barbed Wire Kiss« stellt so etwas wie die Pornobiographie ihres Autoren dar: Von einer Rahmenhandlung, in der Profane sich selbst spielt, zusammengehalten, präsentiert der Film vier Episoden (oder besser gesagt: vier Nummern) aus dem Leben des Regisseurs, der darin von insgesamt drei verschiedenen Darstellern verkörpert wird, die Sex mit vier Frauen haben. Der erfrischende Humor von »Barbed Wire Kiss« zeigt sich etwa sehr schön in dem Umstand, dass unter den drei alter egos Profanes auch ein schwarzer Darsteller ist – was von der Partnerin des echten Profane irritiert kommentiert wird: »Du warst früher schwarz?«, woraufhin Profane nur trocken entgegnet, dass das eine lange Geschichte sei. »Ich habe damals viel Huey Newton gelesen.« Abgesehen davon ist die Struktur von »Barbed Wire Kiss« im ganz klassischen Porno-Stil episodisch gehalten. Geredet wird nicht viel, von der Rahmenhandlung abgesehen, die Nummern sind auch eher klassisch choreographiert, vom Blasen und Lecken über die vaginale und anale Penetration bis zum obligatorischen Cumshot. Was also Alt.Porn alternativ macht, ist weniger die Struktur als vielmehr die Wahl der Protagonisten. Wo sonst Silikon und Botox eine Armee identisch aussehender Porno-Starlets kreieren, sind die DarstellerInnen bei Profane auffällig individuell. Von einer neuen Natürlichkeit wagt man nicht zu sprechen, da die Körper der Protagonisten durch Tattoos, Piercings und ähnliche Accessoires verziert sind, doch ist dies durchaus als ein positiver Schritt im Rahmen der Mainstream-Pornographie zu werten. Immerhin wird der Körper aus Kunststoff ersetzt durch den Körper als Kunst-Stoff.

Ästhetik statt Sichtbarkeit
Diese Verschiebung führt aber auch zumindest mittelbar zu einer weiteren, vielleicht gar gravierenderen Änderung: In »Barbed Wire Kiss« scheint das die Pornographie sonst so rigide beherrschende Primat der absoluten Sichtbarkeit zumindest aufgeweicht. Wo sich anderenorts die Darsteller in groteske, physisch kaum realisierbare Positionen zwängen müssen, um vor dem Zuschauer ganz buchstäblich ihr Innerstes nach Außen zu kehren, wird bei Benny Profane weitgehend in nachvollziehbaren Stellungen gevögelt, und wenn mal ein Arm oder ein Bein im Wege ist, dann ist das halt so. Begründet mag dies auch darin sein, dass der »alternative« Charakter dieser Pornos wesentlich konstituiert wird eben durch die Zugehörigkeit der DarstellerInnen zu bestimmten Subkulturen, welche eben durch die bereits genannten Tattoos und Piercings, aber auch durch (während des Aktes häufig angelassene oder nur notdürftig zur Seite geschobene) Kleidungsstücke, Schuhe, Schmuckstücke, Haarspangen und ähnliches erkennbar wird. Um also diese Zuordnungen im Bewusstsein des Zuschauers aufrecht zu erhalten, müssen jene Accessoires sichtbar gehalten, ja geradezu zu Fetischen erhoben werden, die in ihrer Bedeutung für das Funktionieren des Filmes den Genitalien nahezu gleichkommen. Dies führt letztlich dazu, dass die Sichtbarmachung letzterer einem ästhetischen Konzept untergeordnet werden kann: Die Protagonisten haben einfach Sex miteinander, und der Filmemacher Profane sorgt durch die Wahl des Settings, der Beleuchtung, der (auffallend guten) Musikuntermalung und schlussendlich in der Montage dafür, dass das Ergebnis gut aussieht. Das tut es meistens, und die Farbspielereien bilden einen mehr erfreulichen Kontrast zum klinisch kalten Licht, in dem sich Pornodarsteller sonst gemeinhin entblößen müssen. Insgesamt ist »Barbed Wire Kiss« ein vielversprechender, wenngleich durchaus noch ausbaufähiger Ansatz zu einer (kleinen) Revolution innerhalb der Mainstream-Pornographie.

:: »Barbed Wire Kiss« von Benny Profane war im Rahmen des 1. Pornfilmfestival Berlin 2006 zu sehen
:: 1. Pornfilmfestival Berlin 2006



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