worte

Krimikolumne III

4kolumne_kl.jpg

Neue, brandheiße Noirs, die man unbedingt lesen muss, wenn man starke Nerven und einen gewissen Humor hat: Nisbet, Ellroy und Johnson



worte

Krimikolumne II

2kolumnebild.jpg

Vom postatomaren Japan über die tiefen Wiener Sümpfe eines Wolf Haas’ bis hin zum Münchner Südfriedhof: Vier recycelte Realitäten.



worte

Demont / Schenker: Ansichten vom Göttlichen

rene.jpg

Anscheinend glaubt die Schweizer Jugend geschlossen und uneingeschränkt an Gott. Werbebroschüre oder realistisches Porträt?

Artikel

portraet_molica2.jpg

Ohne Klischees

Fernando Molica erzählt vom Scheitern privater und revolutionärer Hoffnungen in Rio de Janeiro

Text: Andreas Huth

Wenngleich das Cover einen »Krimi aus Rio« verspricht, so merken Leser und Leserin doch bald, dass die Genre-Bezeichnung auf dieses Buch nicht zutrifft: Weder begleitet man einen Ermittler auf der Suche nach Verbrechern, noch entsprechen Aufbau und Tenor des Buches einem klassischen Kriminalroman. Stattdessen erzählt der Autor Fernando Molica vor dem Hintergrund der Verhältnisse in den Favelas von Rio de Janeiro eine spannende Geschichte, in deren Mittelpunkt die Revolutionshoffnungen einer kleinen Gruppe linker Aktivisten stehen. Sie sind mit der auf Parlamentarismus und Machtteilhabe ausgerichteten Politik ihrer Partei unzufrieden und versuchen deshalb in der Favela Mirandao eine Basisstation für ihre Umsturzpläne aufzubauen.

Wiederherstellung des Status quo
Nach ihrer Analyse sind die Voraussetzungen in den Elendsvierteln günstig, denn Staat, Polizei und Parteien sind den Menschen dort zutiefst verhasst und die kriminellen Banden sind – Kern einer künftigen Guerilla – gut bewaffnet. Nachdem die Mitglieder der halb klandestinen »Conexao Revolucionaria« es geschafft haben, den Chef einer den Stadtteil beherrschenden Clique von Drogendealern und Kleinkriminellen davon zu überzeugen, dass auch er von einer Verbesserung der Situation in der Favela profitieren würde, beginnt das ungewöhnliche Experiment. Das Bündnis der vor allem aus der weißen Mittelschicht stammenden Revolutionäre und der vom Klima der sozialen Not und alltäglichen Gewalt geprägten schwarzen Gangster ist fragil, scheint aber zu funktionieren. Als Vermittler dienen eine aus Mirandao stammende Aktivistin und ein kirchlicher Sozialarbeiter, der – im Widerspruch zu seinem Arbeitgeber – der »Theologie der Befreiung« anhängt. Trotz der zum Teil widersprüchlichen Interessen bringt das gemeinsame Projekt den BewohnerInnen der Favela bald Vorteile: die von der Stadtverwaltung versprochene und nie verwirklichte Kanalisation, ein offenes Stadtteilzentrum, Bildungsangebote und nicht zuletzt eine gewisse Ruhe im Viertel. Doch so leicht, wie es anmutet, ist der Weg zur Revolution nicht. Der hoffnungsvolle Versuch wird von seinen Gegnern schnell, brutal und auf desillusionierende Weise einfach beendet. Der Status quo ist wieder hergestellt.

Top-Story
Der Autor Fernando Molica, 1961 geboren, lebt und arbeitet in Rio. Er ist Journalist, kennt aber, wie er in einem dem Roman anhängten Interview erklärt, die Situation in den Favelas nicht nur aus den Polizeimeldungen, denn er ist selbst in den Vorstädten aufgewachsen. Zwar engagierte er sich nicht wie einige seiner KommilitonInnen in den 1970ern in illegalen linken Gruppen, aber die Frage, welche Folgen die Armut und die Diskriminierung in einem recht reichen Land wie Brasilien haben können und welche Alternativen es zur herrschenden Politik gibt, beschäftigt ihn dennoch. So identifiziert sich Molica mit einem der Protagonisten der Geschichte, dem Studenten Celio, der aus relativ gesicherten Verhältnissen stammt, katholisch erzogen wurde und dennoch bereit ist, für die Revolution alles aufzugeben. Gleichermaßen steckt der Autor jedoch auch in der Romanfigur des Journalisten Fontoura, einem kleinen Lokalreporter, der durch seinen schlechtbezahlten Job und den täglichen Umgang mit Kriminalität, Morden und korrupten Politikern zum Zyniker geworden ist. Seine Träume sind bescheidener als Celios: Er hofft, irgendwann eine Top-Story zu landen und ein bisschen mehr Gehalt zu bekommen. Aber auch er scheitert.
»Krieg in Mirandao« gehört mit seiner Darstellung der Lebensverhältnisse in einer Favela zu den wenigen Werken, die die Welt der Vorstädte nicht nur als Folie für irgendeine Kriminalgeschichte benutzen und dabei Mittelschichtsressentiments reproduzieren. Wie auch in »Ciudad del Deus« (bekannter unter dem Filmtitel »City of God«) wird hier der Alltag der Favela-BewohnerInnen auf eine lebensnahe, realistische Weise gezeigt.

:: Fernando Molica: Krieg in Mirandao, Edition Nautilus, Hamburg 2006, 192 S., € 13,90



Kommentieren



. . .